Das Kraftwerksprojekt der TIWAG
Was ist geplant – und warum beschäftigt es uns?
Die TIWAG – Tiroler Wasserkraft AG plant den Ausbau des Kraftwerks Kaunertal. Im Kern des Vorhabens steht die Errichtung eines Pumpspeicherkraftwerks im Platzertal (Vorhabensteil 1): Ein rund 120 Meter hoher Staudamm soll das Hochtal aufstauen und einen Speichersee mit einem Nutzvolumen von rund 42 Millionen Kubikmetern schaffen. Das neue Pumpspeicherkraftwerk „Versetz“ soll eine zusätzliche Leistung von rund 400 MW erbringen. Die geplante Bauzeit beträgt etwa sieben Jahre, ein Baubeginn der Hauptbauarbeiten ist für voraussichtlich 2029 vorgesehen. ¹
Das Vorhaben durchläuft seit Herbst 2025 ein Umweltverträglichkeitsprüfungsverfahren (UVP) beim Amt der Tiroler Landesregierung. Zahlreiche Organisationen, Wissenschaftler:innen und Privatpersonen haben im Rahmen dieses Verfahrens Stellungnahmen eingebracht. ²
Die wesentlichen Kritikpunkte im Überblick
Eine unabhängige energiewirtschaftliche Analyse von Dr. Jürgen Neubarth (e3 consult GmbH), einem Experten mit über 25 Jahren Branchenerfahrung, kommt zu dem Ergebnis, dass „den 1,6 Milliarden Euro Gesamtkosten keine entsprechenden Erlöse gegenüberstehen“ und das Projekt ein „Milliardengrab“ werden könnte. ³
Die Gesamtinvestitionskosten von rund 1,6 Milliarden Euro entsprechen nach dieser Analyse etwa 4.000 Euro pro Kilowatt installierter Leistung – der österreichische Durchschnitt für Pumpspeicherkraftwerke liegt bei rund 1.800 Euro pro Megawatt. ⁴
Das Projekt basiert laut vorliegender UVP-Dokumentation noch auf Kostenschätzungen aus dem Jahr 2012. Der österreichische Rechnungshof hat in seinem Bericht zum Gemeinschaftskraftwerk Inn dokumentiert, dass die budgetierten Projektkosten dort von ursprünglich 461 Millionen Euro um mehr als 31 Prozent auf rund 605 Millionen Euro stiegen und die kommerzielle Inbetriebnahme sich um fast vier Jahre verzögerte. ⁵
Eine Studie der Hertie School of Governance, die 170 deutsche Großprojekte seit 1960 untersuchte, zeigt, dass Energieprojekte im Schnitt 136 Prozent Budgetüberschreitung aufweisen, während Megaprojekte mit einem Volumen über 500 Millionen Euro im Schnitt doppelt so teuer werden wie geplant. ⁶
Ökologische Bedenken
Das Platzertal beherbergt nach Angaben des WWF Österreich das größte weitgehend unberührte Moor-Feuchtgebiet der österreichischen Hochalpen. ⁷ Nach den vorliegenden UVP-Unterlagen würden durch das Vorhaben rund 6,3 Hektar Moorböden zerstört – was nach Einschätzung des WWF der größten Moorzerstörung Mitteleuropas entsprechen würde.
Intakte Hochmoore sind als „Lebende Hochmoore“ (FFH-Lebensraumtyp 7110*) prioritär nach EU-Recht geschützt. Ihre Beeinträchtigung erfordert zwingend eine Stellungnahme der EU-Kommission. Der Landesumweltanwalt Tirol hat in seiner Stellungnahme auf einen möglichen Widerspruch zum Bodenschutzprotokoll der Alpenkonvention hingewiesen. ⁸
Am Platzerbach würde zwischen dem geplanten Staudamm und der Einmündung in den Tösnerbach eine rund 7,7 Kilometer lange Restwasserstrecke entstehen. Der Europäische Gerichtshof hat im sogenannten Weser-Urteil (C-461/13) klargestellt, dass bereits die Verschlechterung einer einzigen Qualitätskomponente eines Gewässers ein Projekt unzulässig machen kann. ⁹
Geologische Risiken
Ein Gutachten von Prof. Dr. Wilfried Haeberli, Permafrost-Experte an der Universität Zürich, stuft das Projekt als mit erheblichen geologischen Risiken behaftet ein. Der schmelzende Permafrost destabilisiert zunehmend alpine Hänge – ein Prozess, der durch den Klimawandel weiter beschleunigt wird. Der geplante Pumpspeicherbetrieb könnte durch verstärkte Wasserspiegelschwankungen die Hangbewegungen zusätzlich beeinflussen. ¹⁰
Eine Analyse des Wissenschaftsmagazins Spektrum der Wissenschaft stellt fest, dass der Erhaltungsaufwand für Staudämme kontinuierlich steigt: „Risse müssen ausgebessert, Bauteile häufiger geprüft und einzelne Elemente ganz ausgetauscht werden.“ ¹¹ Eine Studie der Universität Oxford, die 245 große Wasserkraftprojekte aus 65 Ländern analysierte, ergab, dass die tatsächlichen Baukosten im Schnitt um mehr als 90 Prozent über den projektierten Werten lagen. ¹²
Projektteilung
Das Gesamtvorhaben ist in zwei Teile aufgeteilt: Vorhabensteil 1 umfasst den Speicher Platzertal, Vorhabensteil 2 die Wasserableitungen aus dem Ötztal – obwohl beide Teile nach über 20 Jahren gemeinsamer Planung untrennbar zusammenhängen. Die EU-Richtlinie zur Umweltverträglichkeitsprüfung untersagt ausdrücklich eine Aufspaltung von Projekten zur Umgehung einer vollständigen Umweltprüfung. Mehrere Stellungnahmen im UVP-Verfahren haben auf die rechtliche Problematik dieser Vorgehensweise hingewiesen.
Vorhabensteil 1 allein würde lediglich 29 GWh Strom pro Jahr aus natürlichem Zufluss erzeugen. ¹
Vorhandene Alternativen
Mehrere Experten weisen darauf hin, dass Alternativen zum Neubau im Platzertal vorhanden wären. Dr. Neubarth zeigt in seiner Analyse, dass die bestehende Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz über ein Speichervolumen von 97 Millionen Kubikmetern verfügt – mehr als doppelt so viel wie der geplante Platzertal-Speicher. Aus technischer Sicht könnte ein Ausbau dieser bestehenden Infrastruktur die energiewirtschaftlichen Ziele ohne weitere Naturbeeinträchtigungen erreichen. ³
Moderne Batteriespeicher werden nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) jährlich günstiger: Die Kosten für Lithium-Ionen-Batterien sanken in den vergangenen zehn Jahren von etwa 635 Euro pro kWh im Jahr 2014 auf weniger als 129 Euro pro kWh im Jahr 2023. ¹³ Virtuelle Kraftwerke – Zusammenschlüsse dezentraler Energieerzeuger, Speicher und flexibler Verbraucher – sind heute weltweit erfolgreich im Einsatz. Next Kraftwerke (Deutschland) vernetzt bereits über 14.000 dezentrale Anlagen mit einer aggregierten Leistung von über 12.700 MW. ¹⁴
Zum Stand des Verfahrens
Das UVP-Verfahren für Vorhabensteil 1 (Speicher Platzertal) läuft seit Herbst 2025. Laut aktuellem Verfahrensplan ist der Bescheid erster Instanz für Mai 2026 vorgesehen; die öffentliche Auflage mit Einspruchsmöglichkeit für Umweltorganisationen folgt voraussichtlich im September 2026. Es handelt sich dabei erst um den ersten von zwei Verfahrensteilen.¹⁵ Aufgrund von Verzögerungen beim Umweltverträglichkeitsgutachten könnte sich der Bescheid jedoch bis 2027 verschieben.¹⁶
Quellenverzeichnis
¹ TIWAG – Tiroler Wasserkraft AG: Ausbauvorhaben Ausbau Kaunertal. Online: https://www.tiwag.at/unternehmen/unsere-kraftwerke/ausbauvorhaben/ausbau-kaunertal/ [Abruf: März 2026]
² WET Tirol – Wasser Energie Tirol: UVP Kaunertal startet – Geschäftszahl U-UVP-6/9/180-2025. Online: https://wet-tirol.at/news/uvp-kaunertal-startet/ [Abruf: März 2026]
³ e3 consult GmbH / Neubarth, J.: Energiewirtschaftliche Einordnung Pumpspeicherkraftwerk Versetz mit Speicher Platzertal. Innsbruck 2023. Online: https://e3-consult.at/referenzen/studien/energiewirtschaftliche-einordnung-pumpspeicher-platzertal [Abruf: März 2026]
⁴ Österreichische Prässeagentur / WWF Österreich: Neue Studie: Pumpspeicher im Platzertal könnte „Milliardengrab“ werden. OTS-Presseaussendung, 4. Juni 2025. Online: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20250604_OTS0091/neue-studie-pumpspeicher-im-platzertal-koennte-milliardengrab-werden [Abruf: März 2026]
⁵ Rechnungshof der Republik Österreich: TIWAG – Tiroler Wasserkraft AG und Gemeinschaftskraftwerk Inn. Reihe Tirol 2021/2, veröffentlicht 5. März 2021. Online: https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/home/Tirol_2021_2_TIWAG.pdf [Abruf: März 2026]
⁶ Kostka, G. et al. / Hertie School of Governance: Großprojekte in Deutschland – zwischen Ambition und Realität. Berlin 2015. Berichtet in: Baumagazin / bi-medien.de: Online: https://bi-medien.de/fachzeitschriften/baumagazin/wirtschaft-politik/studie-oeffentliche-grossprojekte-im-schnitt-73-teurer-als-geplant-b10358 [Abruf: März 2026]
⁷ WWF Österreich / Neubarth, J.: Energiewirtschaftliche Analyse stellt Platzertal-Speicher in Frage. Wien 2023. Online: https://www.wwf.at/energiewirtschaftliche-analyse-stellt-platzertal-speicher-in-frage/ [Abruf: März 2026]
⁸ Tiroler Umweltanwaltschaft: Ausbau Kraftwerk Kaunertal, fortgesetztes UVP-Verfahren – Stellungnahme. Online: https://www.tiroler-umweltanwaltschaft.gv.at/anwaltschaft/ausbau-kraftwerk-kaunertal-fortgesetztes-uvp-verfahren/ [Abruf: März 2026]
⁹ Europäischer Gerichtshof: Urteil vom 1. Juli 2015 in der Rechtssache C-461/13 (Weser-Urteil) – Auslegung des Verschlechterungsverbots der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Online: https://curia.europa.eu/juris/document/document.jsf?docid=165979 [Abruf: März 2026]
¹⁰ ORF Tirol: Kraftwerkspläne für WWF „Milliardengrab“. 4. Juni 2025. Online: https://tirol.orf.at/stories/3308256 [Abruf: März 2026]
¹¹ Spektrum der Wissenschaft: Die Krise der Staudämme – Umweltschäden, steigende Kosten, Einsturzgefahr. 16. September 2023. Online: https://www.spektrum.de/news/die-krise-der-staudaemme/2180793 [Abruf: März 2026]
¹² Riverwatch: Neue Studie: Große Staudämme unwirtschaftlich. Wien, 10. März 2014. Online: https://riverwatch.eu/de/general/news/neue-studie-gro%C3%9Fe-staud%C3%A4mme-unwirtschaftlich [Abruf: März 2026]
¹³ energiezukunft.eu: Große Batteriespeicher in Europa voll im Trend. 7. Januar 2025. Online: https://www.energiezukunft.eu/erneuerbare-energien/stromnetze-speicher/grosse-batteriespeicher-in-europa-voll-im-trend [Abruf: März 2026]
¹⁴ Next Kraftwerke GmbH: Virtuelles Kraftwerk – Stromhandel-Plattform. Köln. Online: https://www.next-kraftwerke.de/virtuelles-kraftwerk/stromhandel-plattform [Abruf: März 2026]
¹⁵ Österreichischer Alpenverein / Deutscher Alpenverein: Ausbau Kraftwerk Kaunertal – Verfahrensstand und Stellungnahmen. Online: https://www.alpenverein.de/verband/natur-und-klima/naturschutzverfahren-und-raumordnung/wasserkraftwerk-kaunertal [Abruf: März 2026]
¹⁶ Dolomitenstadt / APA: Kaunertal-Kraftwerk: Drei Monate Verzögerung bei UVP. 4. März 2026. Online: https://www.dolomitenstadt.at/2026/03/04/kaunertal-kraftwerk-drei-monate-verzoegerung-bei-uvp/ [Abruf: März 2026]